In stillem Gedenken an Dieter Habich

„So einen Schmerz“, sagte Dieter, „konterst du am besten mit

Gegenschmerz.“ Es war das erste Mal, dass ich ihn erlebte, ich war

15 Jahre alt, und der Spielertrainer der ersten Herren des TV Bühl

war gerade beim Warmkicken umgeknickt. Humpelnd lief er an die

Wand und schlug mit der Faust dagegen. „Schmerz!“, brüllte er,

dann grinste er. „Wie steht’s, wer hat den Ball?“

Der Schmerz jedoch, den Dieter Habichs plötzlicher Tod bei

allen ausgelöst hat, die ihn kannten, ist durch keinen

Gegenschmerz zu lindern. Man könnte Dieter über seine Zeit als

Lehrer und Kon-Rektor der Realschule erklären, als Ferien-

Brummifahrer für seine Spedition, als ewiger Bastler an seinem

VW Bus, als Cheftrommler der Bundesliga-Mannschaft, als

famoser Familienmensch sowieso. Aber ich erzähle ihn über den

Sport, den er liebte, und den er in Bühl prägte wie kein Zweiter,

das Volleyball.

Wir, die Spieler der „Ersten“, die er von Ende der 80er Jahre bis

1996 betreute, waren von der Nachricht geschockt. Unsere What’s

App-Gruppe, sonst oft voller Nonsens, verstummte. Bis heute

treffen wir uns einmal im Jahr an Weihnachten. Bisschen Sport,

bisschen Essen, viel palavern, gestandene Männer, mitten im

Leben. Dass es uns nach drei Jahrzehnten als Team noch gibt, liegt

auch und vor allem an Dieter, den wir „Titus“ nennen.

Es war sein Funke, der uns junge Spieler beseelte, als wir uns

vornahmen, unsere kleine Volleyball-Welt zu sprengen, den TVB

auf die überregionale Bühne zu bringen, die Schwarzwaldhalle bei

den Heimspielen beben zu lassen, aufzusteigen und nochmal

aufzusteigen, so gut zu werden wie wir nur werden konnten. Zwei

Aufstiege feierten wir gemeinsam, und am Ende fehlte uns ein

einziger Satz zum Einzug in die 2. Bundesliga. Was uns nicht

gelang, sollte der TVB später mit anderen Generationen

nachholen, mit Profis, bis hinein ins deutsche Pokalfinale und in

den Europacup.

Am Anfang dieses Wegs aber stand Dieter Habich. Und viele

Spieler, die TVB-Jugendleiter Gerd Zaepernick ausgebildet hatte.

„Zaep“ und Titus, das war ein ideales Duo. Beide sahen dasselbe

im Sport, die Charakterschule. Und beide hatten denselben

präzisen Blick für Talent. Aus ihrer Schule, der vereinseigenen

Jugend, kamen Walter Hemlein, Elmar Schäfers, Stefan Schmieder,

Moritz Windemuth, Hardy Kuhn, Michael Bentz, Guido

Isekenmeier, ich. Aus der nahen Umgebung stießen Lothar Köstel,

Norbert Kiefer, Frank Forcher und Thomas Seiler hinzu. Die

Letten Vladimir Bondar und Wiestur Lagsdinsch hievten das Team

dann nochmals auf ein neues Niveau.

Wenn ich an ein einziges Bild denke, das uns verbindet, dann

denke ich zuerst an den 5. März 1993, den Aufstieg in die

Regionalliga, gerade haben wir in der Schwarzwaldhalle

Kappelrodeck besiegt, wir sind Oberliga-Meister, Hunderte

Zuschauer stehen und applaudieren, und wir Spieler bilden einen

Ring und nehmen Titus in die Mitte und werfen ihn in die Höhe,

„hey!“, rufen wir, wir fangen ihn wieder auf, und werfen ihn wieder

hoch in die Luft, „hey!“. Welcher Ausdruck auf seinem Gesicht

liegt, diese Freude, dieser Stolz, und ganz geheuer ist ihm die

Höhenluft auch nicht.

Im vorigen Winter habe ich mir einen alten Videorecorder

gekauft, denn es gibt dieses Aufstiegsspiel auf Video, das ganze

Spiel und das Danach. Die Qualität der Aufnahme ist körnig, wie

sich das gehört, aber man sieht den Matchball, Kiefers wuchtigen

Schmetterschlag auf den Boden des Gegners, den Jubeltaumel,

Dieter, die Ärmel seines roten Pullovers hochgeschoben, wie er

von der Bank aufspringt. Wir alle sind auf diesen Bildern zu sehen,

und unsere Freunde, Bekannte und Eltern, dreißig Jahre jünger.

Aber wie das Leben so ist, wir fühlen uns ja nicht dreißig Jahre

älter, wir fühlen uns eigentlich noch so wie damals, auch wenn die

Sprunggelenke und die Schultern nicht mehr so wollen,

Kleidergrößen womöglich gewachsen sind. Aber jene Jahre sind

uns so nah, weil sie von einer unvergesslichen Leidenschaft und

Kameradschaft geprägt waren, und unser Anführer trug einen

blonden Lockenkopf und einen blonden Schnurrbart.

Es sind so viele Erinnerungen, so viele Geschichten. Wir waren

zusammen in Villefranche und an der französischen Atlantikküste,

Beach-Volleyball spielen, wir trafen uns bei Olympia 2004 in

Athen, seine Frau Anneliese und er besuchten uns vor ein paar

Jahren in Hamburg. Wann immer wir uns am Johannesplatz trafen,

ging es sofort los. Keine Sekunde Suchen nach Erzählstoff. Kein

Malheur – und er erlitt in seinem Leben zahlreiche spektakuläre

Verletzungen –, deren Hergang nicht mit einem Lachen geschildert

worden wäre. Das Lachen im Angesicht des Abgrunds, das habe

ich von Dieter gelernt. Das Aufstehen nach der Niederlage. Das

Weitermachen nach dem Sieg. Das Trotzdem.

Der Stil seiner Mannschaft war offensiv, riskant, aufregend, mit

athletischen Angreifern und vielen Kombinationsangriffen. Mit

diesem Spiel füllten wir, erstmals in der TVB-Geschichte,

regelmäßig die Schwarzwaldhalle, so zündeten wir die Stimmung

unter den Fans an. Block und Abwehr, die defensiven

Komponenten des Volleyballs, interessierten Dieter weniger.

„Attacke!“, das war seine Losung.

Er hat uns gelehrt, dem Schmerz die Zähne zu zeigen, kleinere

Blessuren wegzudrücken, „yessesnai, reiß dich mal zusammen“. Er

hat uns gelernt, Widerstände zu überwinden und zu siegen, auch

wenn es in der Halle zu dunkel war oder der Boden zu glatt. Und,

wenn wir neben uns standen, uns zu wehren, bis der Motor

endlich ansprang, und sei es durch puren Willen. Es hat uns

Demut gelehrt, weil wir immer zu hören bekamen, was wir noch

zu lernen hatten. Er hat uns vor allem auch Anstand gelehrt.

Einerlei, ob wir über den Sport redeten, die Politik oder das Leben.

„Das gehört sich nicht“, ist einer seiner Sätze, und für diesen Satz

wechselte Dieter ins Hochdeutsche.

Auf dem Feld war er indes auch ein Schlitzohr – den Aufstieg

in die Verbandsliga besiegelte er, der Zuspieler, mit einem

Schmetterschlag am Netz, obwohl er Hinterspieler war, eine

verbotene Aktion, aber im Jubelsturm pfiff der Schiedsrichter

einfach ab. Lief beim ein Gegner ein beeindruckender Angreifer

auf, „ein Tier auf der Vier“, munterte Dieter uns auf: „Den

blocksch einmal, dann siehsch ihn nie wieder.“ Was manchmal

sogar stimmte.

Beim Deutschen Turnfest in Hamburg 1994, ein Turnier mit

120 Mannschaften, siegten wir vor 2500 Menschen im Finale, die

Messehalle 5 tobte. Und Dieter tanzte zu den Rhythmen einer

Samba-Band, die nach der Siegerehrung das Feld enterte. Dann der

Abstiegskampf in der ersten Regionalliga-Saison, das

entscheidende Spiel, es steht nach Sätzen 2:2 beim Konkurrenten

in Vöhringen, und bei 8:8 im Tie-Break nimmt unser Trainer eine

Auszeit, die Nerven liegen blank. Er schaut uns an, wild

entschlossen und brüllt: „Männer, net verkrampfe, wir müsse

gwinne“. Das lässt sich nur im Dialekt so wiedergeben. Wir

müssen schmunzeln. Und gewinnen. (Seit vielen Jahren und bis

heute spiele ich in Oststeinbek bei Hamburg, und wenn es eng

wird in einem Match, rufe ich meinen Mitspielern zu: „Männer,

denkt an meinen Bühler Coach: Net verkrampfe!“ Natürlich sage

ich seinen Satz auf Badisch, und die Spannung des Moments löst

sich auch bei Norddeutschen.

Dieter konnte temperamentvoll sein, dann bekam er eine

hochrote Birne. Genauso konnte er analytisch sein und kühl auf

Fehler im System des Gegners hinweisen: „Da gehen wir jetzt rein,

volle Kanne!“ Er brachte uns alles bei, was er als Mensch und

Trainer wusste, und dann machte er den A-Schein, und brachte

uns bei, was er neu gelernt hatte. Er ließ uns wachsen und lernte

mit uns zu wachsen. Dieter führte durch Beispiel. Er war ein

ausgewachsener Kerl, der Ausreden und Faulheiten nicht gelten

ließ, und er hatte das sonnige Gemüt eines Lausbuben, bereit zu

jedem Spruch.

Heute bin ich selbst seit ein paar Jahren Jugendtrainer, und

seitdem weiß ich, wieviel Liebe zu den jungen Menschen es

braucht, um das durchzuhalten, wieviel Energie und Geduld für

die Talente und Glaube, dass sie sich entwickeln. Ich ahnte das

immer nur, nun spüre ich selbst, was es heißt,

vornewegzumarschieren. Dieter tat dies wie selbstverständlich.

Lebt nicht unsere Gemeinschaft von solchen Menschen? Die

anderen Energie geben – und sie inspirieren, anderen selbst

Energie zu geben? Die uns als Gruppe zusammenbringen und

zusammenhalten und uns wissen lassen, dass es besser wird, wenn

wir uns nur bemühen, dass wir es wirklich schaffen, wenn wir nur

wollen. „Männer, wir schaffen das“, das hat er gesagt, lange bevor

der Satz politisch verwendet wurde, und er tat alles dafür, dass er

wahr wurde.

Nein, Dieter konnten wir uns nicht alt vorstellen. So klassisch

seine Werte waren, so lässig war sein Auftreten, „ultralässig“, noch

so ein Titus-Wort. Nun ist er viel zu früh gestorben, mit 73 Jahren.

Vielleicht mag es ein Trost sein, dass er starb, wie er lebte, beim

Sport, beim Auspowern, weil er es liebte, seinen Körper zu spüren,

also: das Leben zu spüren. Was haben wir gelacht mit ihm. Was

haben wir gelitten mit ihm und gekämpft. Unvorstellbar, ihn nicht

bald wiederzusehen. Längst waren wir Freunde geworden.

Die Vergangenheitsform steht in diesen Sätzen. Aber dies kann

nicht sein. Dies wird nie so sein. Dieter wird in unserer Gegenwart

sein, solange es uns gibt. Wenn wir uns wiedersehen, werden wir

auf ihn das Glas erheben. Was er sagen würde, wissen wir. Wie er

lachen würde, wissen wir. Er fehlt uns so. Nein, er fehlt uns nicht.

Er ist ja doch weiter da.

Das Bild, das ich vor mir sehe, wird uns tragen. Es ist 1993, wir

sind Meister am Ende einer harten Saison, wir schleudern ihn

empor, und da oben verharrt er für einen Moment in der Luft,

wissend, dass wir ihn auffangen werden – aber hoch ist es schon –,

und unmittelbar bevor die Schwerkraft einsetzt, schwebt er da, und

ich stelle mir vor, nein, ich weiß, dass dies ein glücklicher Moment

in Dieters Leben und in unserem Leben war.

Mir gefällt der Gedanke, dass er diesen Augenblick ganz sicher

in sich abgespeichert hatte und bis zuletzt überzeugt war, dass uns

das Leben belohnen wird, wenn wir ihm soviel geben, wie er das

getan hat. Und mir gefällt der Gedanke, dass er von da oben, auf

seinem Kissen aus Luft, auf uns herunterblicken kann, und dass er

vielleicht stolz auf uns ist, was wir gemeinsam geschaffen haben,

wir, sein Team, die Jungs von damals, die so gut wurden, wie sie

nur werden konnten, weil sie diesen Mensch als Trainer hatten,

Dieter Habich.


Verfasser: Rüdiger Barth